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Gravelabenteuer in den Hohen Tauern

Tag 1
Beim Packen meiner Taschen für den anstehenden Gravelausflug lege ich die Regenüberhose zur Seite. In der Wettervorhersage fürs Wochenende wird für Samstag nur ein kleiner Tropfen angezeigt, der Sonntag sonnig und trocken – Regensachen werde ich wohl gar nicht brauchen, denke ich mir. Die Regenjacke ist natürlich immer dabei, schon allein als Schutz vor Wind bei längeren Abfahrten. 

Als wir frühmorgens in Richtung Kufstein, unserem Ausgangspunkt starten, sieht es wettertechnisch gar nicht mehr so optimistisch aus. Am Ende kommt die Regenshorts also doch noch in die Packtasche. Schon auf der Fahrt Richtung Irschenberg setzt der Regen ein. Das Regenradar – hm, ich möchte es eigentlich gar nicht so genau wissen – zeigt sogar bis in den Nachmittag hinein über unserer geplanten Strecke Regen, und nicht zu wenig. 

Wir kommen in Kufstein am Bahnhofsparkplatz an, wo wir das Auto für die zwei Tage stehen lassen werden. Es regnet immer weiter. Einen zweiter Kaffee und eine weitere Viertelstunde im Auto warten später wird der Regen zu Nieselregen – jetzt müssen wir aber langsam los! 

VELOMINATI RULE #9 // If you are out riding in bad weather, it means you are a badass. Period.

Gesagt, gepackt – mit Taschen an den Rädern rollen wir los, zuerst mit Regenshorts und -jacke. Schon bald wird das zu warm – zum Glück sind die Temperaturen angenehm, da stört etwas Nässe nicht. Anfangs am Inn entlang, geht es nach etwa 10 Kilometern bei Wörgl ins Brixental, entlang der Brixentaler Ache, flach bis leicht ansteigend. Nach Hopfgarten begleitet uns die Windauer Ache – es wird merklich steiler und geht auf kleinen Nebenstraßen ins Tal der Windauer Ache hinein. 

Hinter dem Gasthaus Steinberg wechselt der Untergrund, wir verlassen den Asphalt, es bleibt nun feiner, gut fahrbarer Schotter bis kurz vor dem höchsten Punkt der heutigen Etappe: der Filzenscharte auf 1688 müNN. E-Biker düsen an uns vorbei während wir uns im kleinsten Gang, mit den bepackten Gravelbikes gut 1000 Höhenmeter bergan quälen. Nun – fröhlich und selbstbestimmt quälen – es macht ja Spaß! Ich möchte nicht mit den elektrifizierten Bikern tauschen. Die Aussicht ist toll – wir stellen fest, dass es gar nicht mehr regnet, sondern im Gegenteil in den sonnigen Abschnitt ganz schön warm geworden ist. 

Wer einen Abstecher zur Rotwandalm einbauen möchte, fährt den geschotterten Foischingweg kurz vor der Scharte, am „Schreier Bründl“, noch 1,5 km weiter. Weiter über die Scharte geht es nun zwingend zu Fuß – jetzt kann ich testen, ob die neuen Gravelschuhe auch dafür taugen. Frisch aus der Verpackung habe ich es gewagt, die Schuhe gleich für eine Mehrtagestour einzusetzen, so bequem waren sie beim ersten Anprobieren. Nicht der beste Wanderschuh – aber es ist ja auch ein Radschuh. Das Profil hält definitiv besser auf Fels und Holzbohlen, über die wir unsere Räder über die Filzenscharte, durch moosiges Gelände schieben. Mein Fazit: der Schuh – ein Fizik Vento Proxy (wide) – ist eine guter Kompromiss aus leichtem, gut belüftetem Radschuh und passablem Schuhwerk für Schiebepassagen. 

Ein Pause legen wir kurz nach dem Übergang ein – die mitgebrachte Verpflegung können wir noch mit reifen wilden Preiselbeeren ergänzen, die hier üppig wachsen. Eine wunderschöne Berglandschaft. Das Windautal, noch in Tirol, liegt hinter uns – vor uns das Trattenbachtal, schon im Bundesland Salzburg, das uns hinunter nach Wald im Pinzgau führt. 

Die lange Abfahrt ist für unsere Gravelbikes gut geeignet: kaum Geröll, meist feiner Schotter, bald festgepresst als Fahrweg der das kleiner Kraftwerk versorgt. Wir rollen vorbei an der Sonntagalm – aber sie hat geschlossen. Weiter die Roßberg-Panoramastraße hinab, ist unser Ziel für heute schon fast erreicht: bei Wald im Pinzgau übernachten wir in einer netten Unterkunft, dem Aparthotel Garni Schranz. Sehr zu empfehlen. Auch zum Abendessen, sowohl qualitativ als auch preislich, und wir müssen das Haus nicht mehr verlassen, sondern können uns für den morgigen Tag von den 1400 Höhenmeter und 60 Kilometern erholen. 

Tag 2
Der Wirt erzählt uns beim – sehr leckeren – Frühstück von einer Straßensperre am Gerlospass wegen eines Radrennens. Auf der Passstraße verläuft unser Track zwar sowieso nicht – jedoch kommen uns deshalb auf der kleinen Nebenstraße, die wir nach der morgendlichen Stärkung – hinauftreten, einige Autos entgegen, normalerweise ist hier sicher kaum Verkehr. Die Auffahrt ist zwar auf Teer aber steil und voll der Morgensonne ausgeliefert. Mir steht das Wasser schon nach kurzer Zeit auf den Händen. Die ersten 600 Höhenmeter fühlen sich wie 1000 an. Dann erreichen wir endlich den Speichersee Durlaßboden – hier dürfen wir kurz die Beine entspannen und es rollt panoramareich in Richtung Wildgerlostal. Am Ende des Finkausees beginnt der Außenbereich des Nationalparks Hohe Tauern. Die ersten Gletscher haben wir in der Ferne schon gesehen, möchten aber noch weiter ins Tal hochfahren, solange es der Untergrund zulässt. 

VELOMINATI RULE #10 // It never gets easier, you just go faster.

Weitere steile 350 Höhenmeter auf Schotter werden belohnt: nach der Steilstufe unterhalb der Trisslalm öffnet sich das markante Trogtal des Wildgerlostals, das von eiszeitlichen Gletschern tief in die Berge geschliffen wurde. Tief hinten im Tal ragen die Dreitausender der Reichenspitzgruppe auf, deren Gipfel von den Gletschern des Wildgerloskees umgeben ist.

VELOMINATI RULE #55 // Earn your turns.

Auf etwa 1780 müNN, kurz bevor der geschotterte Weg an der Materialseilbahn zur Zittauer Hütte endet rasten wir am Gletscherbach. Hier ist Schluss für die Gravelbikes. Nur für Wanderer, Bergsteiger und Trailläufer geht es hier noch weiter, zur Hütte, von der aus man auch Hochtouren gehen kann. Ganz schön frisch hier im Gegensatz zur schwülwarmen Bergauffahrt heute Vormittag. 

Zurück. Steil hinab, aber alles fahrbar. Wir füllen am gut besuchten Alpengasthof Finkau unsere Flaschen auf und fahren auf der westlichen Seeseite weiter. Es geht am Speichersee entlang bis zum Staudamm – das letzte Stück ab der Bärschlagalm ist eine Einbahnstraße für Radfahrer… wer hier keine unfreundlichen Kommentare einhandeln möchte fährt entweder auf der Ostseite des Speichersees, oder ab der Alm links oberhalb im Wald weiter – dann verpasst man aber einen feinen Singletrail (erlaubt!) entlang des Gerlosbachs bis Finsingau. Auch von Gerlos bis Gmünd gibt es für Radfahrer eine Alternative zur stark befahrenen Gerlosstraße.

Motorradfahrer, fette Wohnmobile, Autos, Busse – das vermeiden wir um jeden Preis – auch wenn wir so weitere 300 Höhenmeter fahren, bzw. schieben müssen. Kurz nach dem Gasthof „Kühle Rast“ geht es von der B165 rechts ab, hinunter in einen tiefen Taleinschnitt.

Meine Routenplanung – Komoot und bikerouter.de – meldet hier einen kurzen Abschnitt auf dem Radfahren verboten wäre. Verbot ist es keines, nur ein Hinweis auf Privatgrund und darauf, dass keine Haftung übernommen wird. Und der Weg so steinig und verbockt, dass wir eh nicht fahren könnten. Ein anderer Umstand stört mich viel mehr: wir müssen eine Weide mit einem Bullen überqueren. Hier führt der offizielle Wanderweg entlang. Dafür fände ich eine Warnung eher angebracht…

Wenige 100 Meter später ist der Weg schon wieder fahrbar – bis die steilen Kehren hinauf nach zum Astachhof beginnen. Den Rest des Anstiegs schieben wir. Endlich sind für heute alle Höhenmeter geschafft! 

Tiefenmeter kommen nun einige, die Bremsen glühen bald. Den Gerlosberg erst aussichtsreich entlang, dann fast 800 Höhenmeter hinab ins Zillertal bis Zell. Dort gibts erstmal eine gute Suppe, ein alkoholfreies Bier und einen Affogato al caffè. Verdient. 

Wer noch einen Tag Zeit hat, übernachtet hier oder ein Stück weiter Zillertalauswärts z.b. in Ried. Wir müssen heute allerdings noch nach Hause – so geht es für uns auf kürzestem Weg zurück zum Ausgangspunkt. Aus dem Zillertal heraus, flach bis bergab – aber leider – wie erwartet – mit teils starkem Gegenwind. In Brixlegg nehmen wir dann die Bahn bis Kufstein – die Kilometer und Höhenmeter haben uns so schon gelangt. 

Für alle, die einen dritten Tag radeln können: 

Tag 3
Nach einer Übernachtung im Zillertal steht noch ein weiteres Tälerhighlight am Programm: Nach morgendlichem Einrollen das Zillertal hinaus geht es in Brixlegg nicht diretissima Richtung Kufstein, sondern ins Tal der Brandenberger Ache hinein. Bis zum Kaiserhaus entlang dieser flussaufwärts. Ab der Kaiserklamm folgen wir der Ellbach Richtung Osten, hinein ins Ellbachtal. Weiter zur Riedenberger Wiesen und zum Hasatal bei Thiersee. So gelangt man fein bis grob geschottert hinüber ins Thierseetal. 

In Hinterthiersee ist Zeit für eine letzte Rast bevor es abseits asphaltierter Straßen hinab nach Kufstein, zum Ausgangspunkt geht.

„Umwege erweitern die Ortskenntnis.“ – Kurt Tucholsky