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Einmal um den Tuxer Hauptkamm

Drei Tage Gravel als Vorgeschmack auf eine große Challenge

Was für ein Zufall – in der neuesten Podcast-Folge von Jana und Stephan ist die Munich Milan Gravel Challenge das Hauptthema. 766 Kilometer und rund 12.500 Höhenmeter von München nach Mailand auf Schotter und Steinen. Stephan erzählt in dem Podcast von seiner Erfahrung bei dieser Challenge, von einer Strecke mit langen Anstiegen und vielen technischen Passagen, die für mich ein (noch weit in der Ferne liegender) Grund ist, in den letzten drei Tagen mit bepackten Gravelbikes über den Alpenhauptkamm geradelt zu sein. 

Meinen Freund Ralf habe ich bereits mit meiner Begeisterung von langen Radfahrten angesteckt. Während ich auf langen Trailläufen meist alleine unterwegs bin, können wir auf dem Rad alles gemeinsam erleben. Vor ein paar Wochen fuhren wir rein zufällig am selben Tag ins Val Mora, als einige der Radler der Munich-Milan-Challenge auf diesem Abschnitt der Strecke unterwegs waren. Seitdem ist es ein Thema: Fahren wir nächstes Jahr diese Gravel-Challenge mit?

Auf jeden Fall üben wir schon mal. In den letzten Wochen sind wir nun zum zweiten Mal über drei Tage mit den Gravelbikes unterwegs, einen Teil der Strecke von letztem Wochenende habe ich mir bei der Alptraum Bike Challenge abgeschaut. Und bei Nick, dem Veranstalter der Munich-Milan-Challenge, den ich noch aus München kenne. Seine Touren inspirieren mich oft – auch wenn ich mir nicht ansatzweise vorstellen kann wie man so viele Kilometer und Höhenmeter am Stück fahren kann wie er).  

Um uns an Tag 1 nicht zu überfordern starten wir nicht am Eingang, sondern schon 15km taleinwärts im Zillertal kurz hinter Kaltenbach. Anfangs ist der Radweg gut ausgebaut, es rollt fast flach und mit Rückenwind. Im Gegensatz zu letztem Samstag, als wir ohne Gepäck eine Runde in den Tegernseer Bergen fuhren, fühlt sich das Bike ultraschwer an… wo ich doch so reduziert gepackt habe! Was soll ich denn noch weglassen? 

VELOMINATI RULE #26 // Make your bike photogenic When photographing your bike, gussy her up properly for the camera.

Nach lockerem Einrollen bis Mayrhofen geht es kurz nach dem Ort schon bald in die ersten steilen Anstiege. Mal mehr, mal weniger Steigung – mal Schotter, mal Asphalt. Vorbei durch Ginzling, hier ist glücklicherweise der Großteil Straße vorbei, es geht auf Nebenwegen über den Breitlahner bis unter die Staumauer des Schlegeisspeichers, wo man die letzten Höhenmeter bis zum Speichersee wieder mit den Autofahrern auf der Mautstraße teilt. 

Am Schlegeisspeicher legen wir eine Pause ein, essen unsere Vorräte, richtig Einkehren wollen wir erst am Pfitscherjoch-Haus. Das ist der höchste Punkt unserer heutigen Etappe. Gut – naja ziemlich gut – erholt geht es weiter, die Teerstraße endet bald, hinein in die Zillertaler Bergwelt. Die Strecke ist eine beliebte Route von Alpencrossern – entsprechend viel Radler (90% allerdings mit E-Antrieb) begegnen uns auf dem anfangs noch fahrbaren, steilenweise doch holprigen Bergweg. Die Granitplatten sehen super aus – haben aber für meine 33mm Reifen doch zu hohe Kanten so dass ich immer mal wieder absteige und lieber darüber schiebe um keinen Platten zu riskieren. 

Der Weg steilt auf – jetzt macht fahren eh nicht mehr viel Sinn. Kraftsparender ist es das Rad über die Rinnen zu schieben, die in den letzten Jahre für die Radfahrer ergänzt wurden. Meine rennradschuh-ähnlichen Gravelschuhe sind zum Schieben nicht die ideale Ausrüstung. Hier gleich mal vormerken: bis München-Mailand muss eine Alternative her. Auch meine Klick-Pedale haben auf beiden Seiten SPD-Klick – Ralf hat ein Kombi-Pedal – zum wieder anfahren in steilem unebenen Gelände die bessere Option. Kommt in Gedanken auch auf meine Liste, was ich noch verbessern kann.

Aber – egal wie viel geschoben oder gefahren werden kann – es ist unglaublich eindrucksvoll hier oben unterwegs zu sein. Und faszinierend, dass das mit dem bepackten Gravelbike möglich ist. Ich bin begeistert. Genau für solche Momente sind wir losgefahren. Die letzten Höhenmeter vergehen wie im Flug – schon sind wir fast am höchsten Punkt: hier endet Tirol – wir überqueren die Grenze zu Italien. Das muss natürlich fotografisch dokumentiert werden. Ich glaube, selbst mein Rad ist überrascht, wo es so überall mit mir hinkommt 😉 

Am Pfitscherjoch-Haus angekommen stellen wir schnell die Räder ab und flüchten in die Hütte – es windet ordentlich. Bei der Abfahrt werde ich erstmal alles anziehen, was ich dabeihabe…. Suppe, Hollerschorle, Kaffee. Lecker. Und für so eine hohe Hütte – 2276 m ü.NN gar nicht mal so teuer. Wir gönnen uns eine lange Pause – schließlich geht es ab nun „nur“ noch 30km bergab bis Sterzing, wo ich ein Quartier gebucht habe. 

Die Abfahrt läuft super – ich stelle fest, dass ich die bessere Richtung erwischt habe. Kurz hatte ich bei der Planung überlegt, die Runde anders herum zu fahren. Nun bin ich froh, dass wir die feingeschotterte, nicht allzu steile Straße gemütlich bergab rollen. Müsste ich ins Zillertal abfahren hätte ich wohl einiges bergab schieben müssen. So fährt es sich tipptopp nach Italien hinein, auch mit 33mm Bereifung. Am Ende des ersten Tages ziehen sich die 30km dann doch noch etwas, denn talauswärts rollen ist leider mit ordentlich Gegenwind auch anstrengender als erwartet. Erster Tag geschafft, ein nettes Restaurant gefunden und ein nettes Zimmer mit Bett. Und Dusche. 

„And at the end of the day, your feet should be dirty, your hair messy and your eyes sparkling.“

Da wird es auf der Strecke München-Mailand wohl manche Abende ungemütlicher werden – Jeden Tag eine Unterkunft würde in der Schweiz echt teuer und kostet außerdem viel Zeit. Zum Beispiel Zeit die man mit dem Abnehmen und wieder Packen der Taschen verbringt. Und die ganzen Pausen tagsüber… So waren wir heute 5 1/2 Stunden geradelt – aber waren 8 Stunden unterwegs… aber unser Ziel ist es ja auch aktuell nicht eine bestimmte Zeit zu schaffen, sondern die Strecke bestmöglich zu genießen. Was uns definitiv gelungen ist 🙂

Tag 2. Etwas müde sind die Beine schon. Es geht auch gleich nach dem morgendlichen Start in Sterzing auf der alten Bahntrasse aufwärts. Hin zum Brenner. Der Plan für heute: von Sterzing zurück nach Österreich, mindestens bis Matrei am Brenner. Aber nicht einfach nur den erwähnten Brennerbahn-Radweg – sondern nach etwa 10 Kilometern auf besagtem Weg biegen wir links hinauf in den Berg. Ich habe – bei Nick gesehen – den Brenner-Grenzkamm auf dem heutigen Track eingeplant. Die Brenner-Grenzkammstraße ist eine ehemalige Militärstraße, die entlang der Grenze Österreich – Südtirol kurz unterhalb eines Berggrats verläuft. Die Bergkette zwischen dem Obernbergtal im Norden und dem Pflerschtal im Süden ist überzogen von einem Netz an alten Militärstraßen. 

Insgesamt führen drei verschiedene Anstiege hinauf zum Grenzkamm. Der Anstieg, den wir wählen, schlängelt sich teils geschottert, teils mit altem Asphaltbelag in Serpentinen nach oben, bis wir auf ca. 2100m den fast höchsten Punkt des heutigen Tages erreichen. Die Steigung ist durchweg fahrbar – mit meiner Übersetzung. Da bin ich froh, dass ich die Shimano GRX an meinem Rad mit einem größeren Ritzel hinten ausgestattet habe. 

Weite, karge Hänge erwarten uns oben, eine nur niedrige Vegetation – eine offene Hochgebirgslandschaft, überraschend rau und wild. Stellenweise erinnert sie mich an die französischen Hautes-Alpes. Wie oft bin ich schon über den Brenner nach Italien gefahren, ohne zu ahnen, was sich hier oben für eine außergewöhnliche Landschaft verbirgt.

Bevor wir nach den erklommenen Höhenmetern die Abfahrt auf die österreichische Seite genießen dürfen, erwartet uns zuerst noch eine Schiebepassage. Mit einem MTB wäre es wohl fahrbar bis spaßig, die steilen, grobsteinigen ersten Tiefenmeter sind für unsere Gravel-Geometrie jedoch zu hart. Besser heil runterkommen, als (zu) schnell. Ride smart, not hard. It’s not a shame to walk, it’s an attitude! Manchmal ist Schieben keine Niederlage, sondern schlicht die vernünftigere Art, weiterzukommen.

Nachdem wir oben die einzige Wasserstelle verpasst haben, freuen wir uns sehr, als wir die Sattelbergalm erreichen und Durst und Hunger stillen können. Erst später lese ich, dass kurz vor dem Sattel eine kleine Alm lag, wo es gekühlte Getränke zu kaufen gab. Gesehen habe ich die Alm… Durst hätte ich auch gehabt. Wenn die Alm geschlossen ist, stehen die Getränkekisten wohl im Brunnen, der Kaufpreis ist in eine Kasse zu entrichten. Merke ich mir fürs nächste Mal!

Von der Sattelbergalm geht es nun wirklich nur noch bergab. Erst noch steil auf einer Forststraße, die im Winter eine Rodelbahn ist, dann auf Asphalt und ab Gries am Brenner auf der Bundesstraße zum schnelleren Vorankommen. Auch heute war es dann doch wieder ein langer Tag und wir sind froh, uns für die Übernachtung in Matrei entschieden zu haben. Statt bis Mutters vor Innsbruck zu fahren. 

Sogar einen Öko-Rabatt bekommen wir, 10%, da wir mit dem Rad angereist sind. Das könnte es öfters geben – danke Parkhotel Matrei 🙂

Tag 3. Heute heißt es, zurück zum Ausgangspunkt. Vom Brenner nach Innsbruck auf der Autobahn gehts eigentlich immer bergab. Am Radweg nicht. Im Gegenteil, erstmal sammeln wir noch weitere 600 Höhenmeter, bis wir es oberhalb von Innsbruck, entlang der S-Bahn-Strecke rollen lassen können. Lange. Bis zum Inn hinab. Und an dem entlang geht es jetzt die nächsten 40 Kilometer. Flach. Heiß ist’s auch hier unten. In Hall in Tirol gönnen wir uns eine eiskalte Cola. Dann weiter flussabwärts. In Schwaz gibts noch eine zweite Cola, diesmal keine Zero, weil langsam die Energievorräte aufgebraucht sind. Die gesamten drei Tagen haben wohl trotz gutem Abendessen für ein Kaloriendefizit gesorgt. Besonders Kraft kostet nun auch noch der Gegenwind, der uns das ganze Inntal heftig entgegenweht.

Bei Kilometer 70 dürfen wir endlich ins Zillertal abbiegen – talaufwärts = mit dem Wind. Noch 15 Kilometer, verspreche ich. Hmm, am Ende sind es doch noch 20 geworden, aber ein Badestopp in der Ziller macht alles wieder leichter. Kaltes Wasser für die müden Beine – beziehungsweise für den ganzen Körper: Einmal ganz eintauchen lasse ich mir nicht nehmen. Fazit: Der Badeanzug im Gepäck ist doch essentiell gewesen.