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Klettern in den französischen Südalpen

„How much effort do you want to put in your climbing?“ fragt mich Rob am Einstieg einer 6b im Sektor „face sud“ des Klettergebietes Rocher Baron. Der Name der Route: „J’en rêve encore“. Wie bezeichnend, denn nach wie vor träume ich von den schönen zwei Wochen Klettern um Briançon, im französischen Departement Hautes-Alpes. Es ist die letzte Route eines sehr lehrreichen Klettertages – den wir mit Rob Benton als Coach verbracht haben. Trotz der Müdigkeit nach den vielen Routen beschließe ich nochmal alles zu geben und schaffe – gerade so – noch den Durchstieg. 

Briançon, vor ein paar Wochen wusste ich noch gar nicht, wo das genau liegt, geschweige denn, dass man hier klettern kann. Dabei gibt es hier so viele Klettergebiete auf engem Raum, dass man einige Urlaube braucht, um auch nur die Hälfte davon zu sehen.
Nicht nur die Gebiete sind sehr vielseitig, auch das Gestein: man findet Kalkfelsen, ebenso wie Granit, Quarzit und Konglomerat. Auch die Ausrichtung kann man sich aussuchen: alle Himmelsrichtungen sind zu finden, Schatten oder Sonne – je nachdem wie die Temperaturen es erfordern. Wir sind im Oktober hier – eher Nachsaison, wie wir an den fast überall geschlossenen Campingplätzen feststellen. Dafür begrüßen uns die französischen Südalpen mit die Aussicht auf zwei Wochen durchgehend Sonne – wenn man dem Wetterbericht meteofrance glauben kann. Konnte man tatsächlich.

Die ersten drei Klettertage verbringen wir am Rocher Baron, einem Quarzit-Riegel oberhalb von St-Martin-de Queyrières, etwa 10km südlich von Briancon. Davon den ganzen ersten Tag als Coaching mit Rob Benton. Gedacht war es als Geburtstagsgeschenk für meinen Freund Ralf – am Ende nehme ich sicher genauso viel wie er von diesem lehrreichen Tag mit. 

Mein größtes Problem ist die Angst beim Vorsteigen. Im Nachstieg klettere ich deutlich schwerere Routen ohne Probleme, aber sobald die Hakenabstände weiter werden, kommt beim Vorsteigen Angst auf. Rob’s Tipps bringen mich allein an diesem einen Tag mental um Welten voran. 

„Look at your feet – are you standing on good footholds? You can give a lot of weight from your arms to your feet, can’t you? Trust in your feet“. Dieser Fokus auf die Füße, stets auf gute Tritte achten, hilft mir sehr. Als Trailrunnerin vertraue ich meinen Füßen sowieso. Der Gedanke, beim Klettern gar nicht so sehr an die Griffe, die meine Hände halten, zu denken, sondern viel mehr auch auf die Punkte auf denen ich stehe, ist mir neu – und bringt mich so weit, dass ich von Tritt zu Tritt klettere – und plötzlich ist der nächste Haken schon da.  

Vertraue auf deine Füße. Achte auf gute Tritte. 

Wir üben no-hand-rests, ich darf beim Vorsteigen einfach mal losketten mit dem Gedanken – schau einfach wie weit du gehen magst. Erstmal geht es darum, es zu versuchen – soweit wie es mental okay ist. Mal braucht es eine Pause, mal muss Ralf die letzte Exe einhängen. Doch oft komme ich ohne Angst, vielleicht mit etwas Anspannung – aber positiver – am Umlenker an.

Je länger der Klettertag desto mehr spürt man nicht nur die müden Füße und Arme, sondern auch den erschöpften Kopf. Aber selten war Klettern so befriedigend, egal ob ich den Umlenker erreiche oder nicht. Plötzlich geht es ums Klettern selbst, nicht nur ums oben Ankommen. Es ist ein gutes Gefühl, hier an meiner Grenze zu arbeiten, Zug für Zug zu überwinden, was mich vorher so eingeschränkt hat. 

Klar, eine 6b ohne Pause schaffen ist trotzdem toll. Und immer lässt sich die Angst auch nicht verdrängen – aber in den Klettertagen der zwei Briancon-Wochen bin ich wohl mehr vorgestiegen als das gesamte Jahr zuvor. „Wenn Rob wüsste, was er mit dir gemacht hat“, lacht Ralf und freut sich, dass nun nicht er immer alle Exen einhängen muss, sondern ich das stets wieder mit Begeisterung übernehme. 

Von den anderen Klettergebieten gefallen mir die Konglomerat-Wände in der Rue des Masques besonders gut. Zuerst ist das Ambiente dort etwas gewöhnungsbedürftig – hinab in die Schlucht, im Oktober ist es trotz Sonne dort natürlich nicht mehr allzu warm. Aber mit Daunenjacke beim Sichern lässt es sich aushalten. Die kleinen eingebackenen Kieselsteine, die Löcher, die unendlich vielen Trittmöglichkeiten – und gute Absicherung – lassen mich das Vorsteigen auch hier problemlos weiterführen. Im Sektor „les blocs“ finden wir passende Schwierigkeiten, von 5c+ bis 6b, auch einen 6c versuchen wir. Eine Wand bekommt sogar ein klein wenig Sonne ab. 

Zwischen den Klettertagen muss die Trailrunnerin natürlich auch ein paar Höhenmeter sammeln. Weniger wegen der Höhen- und Kilometer an sich, vielmehr wegen der feinen Trails und großartiger Aussicht – ins Ecrinmassiv, auf den Lac de Serre-Poncon, überall die herbstlich bunte Landschaft. Traumhaft. 

Wir kommen wieder, unbedingt! A bientôt, Briançon.